Sonntag, 19. August 2018

Märztage 1798 - ein Sharp Practice Spielbericht

In den ersten Tagen des März 1798 steht die französische "Armée d'Helvétie" unter Genéral Brune bereit, die Eidgenossenschaft und insbesondere den Stadtstaat Bern unter ihre Kontrolle zu bringen. Während auf diplomatischer Ebene verhandelt wird, verstärkt die franzöische Armee ihre Positionen stetig:
Der 1er Lieutenant Etienne Moulin-Rouge erhält am Morgen des 1. März den Auftrag, den Hof des reichen bernischen Bauern Adalbert Bonstetten einzunehmen und zu besetzen. Die Franzosen verfolgen damit zwei Ziele: Einmal sind auf und um den Hof bernische Truppen stationiert - diese sollen vertrieben werden; zum anderen könnte die französische Armee die reichen Vorräte, die man auf dem Hof vermutet, gut gebrauchen.

der Hof von Adalbert Bonstetten
Moulin-Rouge erhält für diese Aufgabe einen Trupp aus seiner eigenen Einheit, der 89ème demi-brigade de ligne und als Verstärkung zwei Gruppen der gefürchteten 14ème demi-brigade légère, die wegen ihrer dunkelbraunen Jacken "les noirs" genannt werden, sowie ein Trupp aus dem 8. Husarenregiment. Der kürzlich aus Paris neu eingetroffene Regimentsarzt soll Moulin-Rouge ebenfalls begleiten, um etwas Erfahrung im Feld zu sammeln.
Liste der franz. Truppen (Sharp Practice 2)


Auf dem Hof Bonstetten geht derweil alles seinen gewohnten Gang, als im Laufe des Vormittags ein verschwitzter Bauernjunge aus dem benachbarten Weiler eintrifft und mit dem Kommandanten reden will: "Die Franzosen kommen!", behauptet er. Vier oder fünf Dutzend Blaue und Schwarze, will er im Anmarsch gesehen haben, und Husaren auch! 
Hauptmann von Siebenthal kommandiert eine Kompanie des Musketierbatallions "Oberland", dazu eine Halbkompanie Scharfschützen und eine leichte 4 Pfünder-Kanone. Einen ernsthaften Angriff der Franzosen kann er mit seinen im Kriegshandwerk unerfahrenen Männern nicht aufhalten. Trotzdem entschliesst er sich, den Franzosen entgegenzutreten, und befiehlt Brustwehren zu errichten. Das leichte Geschütz unter Lt von Gunten platziert er im ummauerten Gemüsegarten des Hofs, die Scharfschützen auf beide Flanken und seine Musketierkompanie steht im Zentrum, so wie er es gelernt hat.

Liste der Bernischen Truppen (Sharp Practice 2)

bernisches leichtes Geschütz im Gemüsegarten

die Musketierkompanie im Zentrum, Scharfschützen auf den Flanken, das leichte Geschütz im Garten im Hintergrund

Etienne Moulin-Rouge vertraut auf die Erfahrung seiner Leute. Insbesondere der Härte seiner Männer aus der 14. leichten Halbbrigade werden die bernischen Bauern-und-Bürger-Soldaten nicht widerstehen können. Bastien "le petit" Robert soll mit einem Trupp leichter Infanterie  auf der linken französischen Flanke vorstossen, die Berner Scharfschützen vertreiben und diese Flanke für einen Angriff der Husaren vorbereiten. Derweil formiert sich das Detachement aus der 89. Linien-Halbbrigade auf der rechten Flanke und nimmt die andere Gruppe Berner Scharfschützen unter Beschuss.

ein Trupp aus der französischen 14. leichten Halbbrigade beschiesst Berner Scharfschützen

Das konzentrierte Feuer der französischen Linieninfanterie auf ihrer rechten Flanke zeigt Wirkung; die bernischen Scharfschützen verlieren Mann um Mann und müssen sich zurückfallen lassen.

nur noch 4 Mann und 5 Schockpunkte: die Berner Scharfschützen fallen zurück (Sharp Practice 2)

Hauptmann von Siebenthal schickt einen Meldeläufer zum Geschütz von Lt von Gunten mit dem Befehl, die französische Linieninfanterie unter Beschuss zu nehmen. Johann von Gunten hat ein Jahr in der Artillerieakademie in Bern verbracht und kann mit dem leichten Vierpfünder umgehen. In schöner Regelmässigkeit kracht nun Schuss um Schuss auf die dichte Formation der Franzosen und fordert dort ihren Zoll: Moulin-Rouge selber wird von einem Splitter verletzt! Erstaunlicherweise ist der neue Arzt aus Paris sehr kompetent und bringt seinen Kommandanten nach sehr kurzer Zeit wieder auf die Beine.

der bernische Vierpfünder in Aktion

Der französische Angriff kommt nicht so recht vom Fleck. Das gibt Hauptmann von Siebenthal Gelegenheit, seine Musketiere neu auszurichten, weil die Scharfschützen auf seiner linken Flanke inzwischen bis in den Obstgarten zurückgefallen sind und die bernische linke Flanke weit offen steht. Langsam und stolpernd beginnt sich die Linie der Berner Musketiere nach links zu drehen.

Auf der Seite der Franzosen mag Moulin-Rouge nun nicht mehr länger warten: Er befiehlt den Angriff der Husaren und schickt die zweite Gruppe leichte Infanterie, die den Verlust ihres Sergeanten Alain Pernod zu verkraften hat, zur Verstärkung hinterher.

französischer Angriff auf die rechte Flanke der Berner



der französische Angriff von der Berner Seite her gesehen

Nun gilt es für beide Seiten ernst: Die französischen Husaren galoppieren auf die Berner Scharfschützen zu, welche ihrerseits die Husaren beschiessen und zu dezimieren versuchen... dann folgt der entsetzliche Aufprall der Pferde und ihrer säbelschwingenden Reiter auf die Oberländer Scharfschützen!

Nahkampfangriff der Husaren!
Der Blutzoll dieses Angriffs ist hoch: Fast die gesamte Scharfschützentruppe fällt unter den Säbeln der Husaren. Die Überlebenden bringen sich weit von der Kampflinie entfernt in Sicherheit; doch auch die Husaren verlieren einige Männer.

Nun schlägt die Stunde des Berner Sergeanten Johann Aebi: Sein Hauptmann hat ihn und eine Gruppe Musketiere aus der Linie abkommandiert, um die bernische rechte Flanke zu stützen. Aebi hat die Niederlage und die Flucht der Scharfschützen aus nächster Nähe beobachtet. Was soll er nun tun? Eine Salve auf die Husaren abgeben wäre die sichere Variante. Doch Aebi hat der brutale Angriff der Husaren mit Zorn erfüllt: Er lässt die Bajonette aufpflanzen und stürmt brüllend auf die Reiter zu, die sich nach dem vorherigen Kampf noch sammeln müssen. Wie wird das enden?

Sgt. Johann Aebi greift die angeschlagenen Husaren an

Der Angriff der Berner Musketiere wird zu einem Triumph! Die überraschten Husaren fallen alle unter den Bajonetten, während die Berner wie durch ein Wunder keinen einzigen Verlust zu beklagen haben!

Nun hat Hauptmann Moulin-Rouge nicht mehr viele Optionen. Auf seiner rechten Flanke fällt Mann um Mann der 89. Halbbrigade unter dem Beschuss des weit entfernten Geschützes, ohne dass er die Berner Musketiere im Zentrum ernsthaft in Schwierigkeiten bringen kann.

die französische rechte Flanke

Auf der französischen linken Flanke versucht die zweite Gruppe der 14. leichten Halbbrigade - inzwischen hat einer aus der Mannschaft die Rolle des gefallenen Sgt. Pernod eingenommen - die Berner unter Druck zu setzen, erzielt aber wenig Wirkung.

die französische linke Flanke

Auf beiden Seiten summieren sich die Verluste, aber es ist der Kampfeswille der Franzosen, welcher erlahmt! Zu viele Anführer wurden verwundet oder getötet, zu viele Trupps dezimiert und zurückgetrieben  - das sind die sieggewohnten "bleus" und "noirs" nicht gewohnt. Moulin-Rouge will nicht darauf warten, bis seine Truppen ihm nicht mehr gehorchen und befiehlt den Rückzug. Die Berner Truppen haben den französischen Angriff bravourös zurückgeschlagen!

die Situation am Ende des Spiels aus Berner Sicht

die französische Moral lag zu Spielbeginn bei 11 und ist inzwischen auf 2 gesunken (Sharp Practice 2).  Der französische Kommandant gibt das Spiel auf.

Kommentar:
Es war ein tolles und sehr spannendes Spiel mit einem für mich überraschenden Ausgang. Ich hätte erwartet, dass die qualitativ schlechteren Berner Truppen (Conscripts & Volunteers) gegen die erfahrenen Franzosen (Regulars und Light Infantry) einen schweren Stand hätten...

Sharp Practice 2 ist ein "large skirmish game" der britischen Tabletop-Spieledesigner Too Fat Lardies. Die Spielanlage entsprach Szenario 3 aus dem Sharp Practice Regelbuch "Defence in Depth" mit Bern als Verteidiger (rot) und Frankreich als Angreifer (blau).


Da wir leider nur selten Sharp Practice 2 spielen, war es nicht zu vermeiden, dass wir ein paar wenige Regelfehler machten:
- wir vergassen, dass Skirmishers und leichte Infanterie je ein +1 to hit erhalten. Dies hätte vor allem zu Beginn des Spiels die Wirkung der Scharfschützen und der französischen 14. leichten Halbbrigade deutlich erhöht (und das Spiel wäre wohl rascher vorangegangen)
- die Berner hatten zwar für zwei Elemente Breastworks bezahlt, diese aber nicht eingesetzt. Zum Glück, sage ich als Spieler der französischen Seite
- der Beschuss des leichten Geschützes ging sehr nahe an den eigenen Musketieren vorbei. Diese hätten einen Teil der Hits abbekommen oder sich etwas aus der Schusslinie bewegen müssen.

Insgesamt lief das Spiel aber sehr flüssig und wir mussten trotz wenig Übung kaum in den Regeln nachschlagen. Ich freue mich schon auf die Revanche gegen die "petits Suisses"!

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